"Heimkehr der Hamburger Flotte nach Sieg gegen die Vitalienbrüder, 1401“ - Aus "Bilder Deutscher Geschichte" Nr. 12, Zigarettenkartenalbum. [Zigaretten-Bilderdienst, Altona-Bahrenfeld, Hamburg, Deutschland, 1936]

Niedersachsen Die Vitalienbrüder: Wie die Piraten zur Strecke gebracht wurden

Stand: 21.04.2025 05:00 Uhr

Am 22. April 1400 brachen elf "Friedenskoggen" der Hanse mit 950 Bewaffneten an Bord auf, um die Vitalienbrüder zu vernichten. 80 Piraten töteten sie in einem Seegefecht, 25 wurden am 11. Mai 1400 in Emden hingerichtet.

Unter den Piraten des 14. Jahrhunderts sind die Vitalienbrüder oder Likedeeler (plattdeutsch: Gleichteiler), wie sich die Piraten selbst nannten, die berühmtesten. Ein Jahrzehnt lang trieb diese Bruderschaft ihr Unwesen, ehe die Hanse ihre Anführer Klaus Störtebeker und Gödeke Michels 1400/1401 in zwei großen Operationen besiegte und hinrichten ließ.

Freibeuter im Dienst des Herzogs von Mecklenburg

Entstanden sind die Vitalienbrüder durch den mecklenburgisch-dänischen Thronstreit um das Erbe König Waldemars IV. Gegen Rückgabe von Ländereien im heutigen Südschweden hatte der Dänenkönig, der keine direkten männlichen Nachkommen besaß, dem Mecklenburger Albrecht IV. die Krone versprochen. Weil dänische Adlige Albrecht IV. jedoch die Gefolgschaft verweigerten, ließ Waldemars Tochter Margarethe, die Frau des norwegischen Königs Håkon VI. Magnusson, ihren Sohn im Jahr 1376 als Olaf II. zum dänischen König krönen. Da der Monarch bei Amtsantritt erst fünf Jahre alt war, übernahm Margarethe die Regentschaft selbst. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1380 verwaltete Margarethe zudem sein norwegisches Thronerbe. Ziel ihrer Politik war die Vereinigung der skandinavischen Königreiche unter dänischer Führung, was ihr im Jahr 1397 mit der Kalmarer Union schließlich gelang.

Doch auf ihrem Weg dorthin musste sie zunächst noch den unbeliebten Albrecht III. von Mecklenburg vom schwedischen Thron vertreiben: 1388 wählte sie der schwedische Reichsrat zur Gegenkönigin. Weil Albrecht III. nicht freiwillig das Feld räumte, begann ein Krieg um die Krone. Um seinen Sohn im Kampf gegen Dänemark zu unterstützen, begann Herzog Albrecht II. von Mecklenburg den Kaperkrieg gegen dänische Handelsschiffe.

Aus verarmten Adligen und Verbannten rekrutierte er eine schlagkräftige Freibeuter-Truppe, der er sogenannte Kaperbriefe ausstellte. Die erbeuteten dänischen Waren durften die Kapitäne frei auf den Märkten der Hansestädte Rostock und Wismar verkaufen. In der Schlacht von Falköping unterlag Albrecht III. schließlich 1389 der dänischen Übermacht und geriet in Gefangenschaft. 

Vitalienbrüder legen Ostseehandel lahm

Als letzte Bastion hielt Stockholm noch mehrere Jahre den dänischen Truppen stand. Mit Lebensmitteln versorgt wurde die Stadt auf dem Seeweg - durch die Vitalienbrüder, deren Name sich möglicherweise aus dem französischen Wort "vitailleurs" ableitet. Ein Vitailleur gehörte zu denjenigen Truppenteilen, die Viktualien - also Lebensmittel - für die kämpfenden Soldaten beschafften. Unter Führung des mecklenburgischen Hauptmanns Albrecht von Pecatel eroberten die Vitalienbrüder im Jahr 1394 Teile Gotlands. Die Insel-Hauptstadt Visby bauten sie zu ihrem Stützpunkt aus.

Der Friede von 1395 macht die Freibeuter brotlos

Im Frieden von Skanör und Falsterbo legten Mecklenburg und Dänemark sowie die Hanse und der Deutsche Orden, die zur Sicherung ihrer wirtschaftlichen Interessen ebenfalls in den Konflikt eingegriffen hatten, die Streitigkeiten im Jahr 1395 bei. Die Kaperbriefe der Vitalienbrüder waren nun wertlos - die Freibeuter hatten ihr "legales Einkommen" verloren.

Vertreibung der Vitalienbrüder aus Gotland: Schiffe des Deutschen Ritterordens belagern Ende des 14. Jahrhunderts die Hafenstadt Visby (Gemälde von Hans Ritter von Petersen, um 1900).

1398 belagerte die Flotte des Deutschen Ritterordens Visby und vertrieb die Piraten.

Fortan überfielen die Piraten auf eigene Faust Schiffe - vor allem Hansekoggen auf der Ostsee. Weil die Piraterie in der Folgezeit fast den gesamten Seehandel lahmlegte, entschlossen sich die Hansestadt Lübeck und der Deutsche Orden, dem Spuk mit ihren Kriegsflotten ein Ende zu bereiten. Im Jahr 1398 landete das Ordensheer mit einer Armada von mehr als 80 Schiffen auf Gotland und vertrieb die Piraten.

Unterschlupf in Ostfriesland

In der Folgezeit verlagerten die Vitalienbrüder ihre Raubzüge auf die Nordsee und nahmen den Seehandel mit England ins Visier. In der Hoffnung auf reiche Beute lauerten die Piraten Hansekoggen vor der Elb- und Wesermündung auf - vor allem auf Schiffe aus Hamburg und Bremen hatten es die Likedeeler abgesehen. Als Gegenleistung für Störtebekers Waffenhilfe bei Stammensfehden boten ihm ostfriesische Häuptlinge Unterschlupf in ihrer landschaftlich wie politisch unübersichtlichen Region, die von keiner direkten fürstlichen Macht kontrolliert wurde. Zudem erschlossen die Vitalienbrüder Ostfriesland als neuen Absatzmarkt für ihre erbeuteten Waren.

Seegefecht im Jahr 1400

Am 2. Februar 1400 wurde auf einem kleinen Hansetag zu Lübeck die Entsendung von elf bewaffneten "Friedenskoggen" (Fredekoggen) mit 950 bewaffneten Männern in die Nordsee beschlossen. Diese Koggen brachen am 22. April 1400 in Richtung Ostfriesland auf. Ihr Ziel: die Vernichtung der Vitalienbrüder. 80 von ihnen töteten sie in einem Seegefecht am 5. Mai. 25 weitere wurden später, am 11. Mai 1400, in Emden hingerichtet.

Die Stammeshäuptlinge in Ostfriesland mussten versichern, keine Vitalienbrüder mehr zu beherbergen. Zur Absicherung weiterer Strafaktionen übernahm die Hanse am 6. Mai 1400 das Schloss Emden und besetzte einige Burgen. Doch mit Rücksicht auf ihre Hausmacht konnten die ostfriesischen Häuptlinge nicht in Gänze auf die Söldnerdienste der Piraten verzichten. Deshalb konnte die Hanse das Piratenproblem nicht vollständig lösen, obwohl viele Vitalienbrüder bei den Kämpfen getötet oder hingerichtet wurden. 

Seeschlacht vor Helgoland

Ein Teil der Piraten verlagerte erneut seinen Aktionsraum: Herzog Albrecht von Holland nahm einige der Hauptleute auf und stellte ihnen Kaperbriefe aus. Unter ihnen soll auch ein gewisser "Johan Stortebeker" gewesen sein, der fortan mit seinen Männern vor Helgoland auf Beutezug ging. Einige Historiker sind der Ansicht, dass er das historische Vorbild für die legendäre Gestalt des Klaus Störtebeker gewesen ist.

Klaus Störtebeker wird nach seiner Gefangennahme in Hamburg an Land gebracht.

Klaus Störtebeker wird nach seiner Gefangennahme in der Seeschlacht vor Helgoland in Hamburg an Land gebracht.

Nach einem erbitterten Seegefecht vor der Nordseeinsel, bei der ein Spion der Legende nach die Ruderanlage des Störtebeker-Schiffes mit flüssigem Blei zerstört haben soll, nahmen die Besatzungen Hamburger Kriegsschiffe den Freibeuter am 22. April 1401 gefangen.

Der Kommandant der hanseatischen Flotte, Simon von Utrecht, wurde für seine Verdienste bei der Piratenbekämpfung im Jahr 1433 ehrenhalber zum Hamburger Bürgermeister ernannt. 1402 wurde auch Gödeke Michels gestellt und hingerichtet. 

Hinweis: Die Urfassung dieses Beitrags wurde bereits 2010 veröffentlicht.

Dieses Thema im Programm:
NDR Fernsehen | Rund um den Michel | 30.04.2000 | 18:30 Uhr